Juergen E. Stolte - Corrugated art, Wellpappenkunst, Art et Carton
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Juergen E. Stolte DAS NEUE AUS DER TRADITION HERAUSSEZIEREN
 
Anmerkungen zur Malerei von Jürgen E.Stolte
 
Harold Rosenberg, einst Vordenker des amerikanischen Action Painting und berufen, dieser künstlerischen Bewegung den philosophisch-psychologischen Rahmen zu geben, hat einmal gesagt: "In unserer Zeit muß jedes neue Werk eine Entscheidung darüber treffen, was in der vergangenen Malerei lebendig geblieben und was tot ist."
 
Die Besinnung des Künstlers auf die Geschichte ist ebenso eine Besinnung auf sich selbst, seinen Geschmack, seine geistigen Interessen und gesellschaftlichen Urteile, auf die Zeichen, die ihn bewegen. Nicht das persönliche Genie, sondern die doppelte Besinnung des Künstlers auf sein ästhetisches Vermächtnis und dessen spezifische Aneignung ist die Quelle bedeutender Schöpfung in dieser Epoche geschichtlichen Selbstbewußtseins."
 
Nach fünfzig Jahren treffen die Sätze unvermindert zu auf Jürgen E.Stolte. Bloß daß der Titel des Buches, dem das Rosenberg-Zitat entnommen ist, für ihn auf den Kopf gestellt werden müßte: statt "The Tradition of the New" jetzt "The New of the Tradition". Denn durch Stoltes Schaffen zieht sich immer stärker nicht nur eine wache Beschäftigung mit den Alten Meistern, sondern das Bedürfnis, aufzuzeigen, was an ihnen in unserer Zeit noch gültig und virulent ist.
 
Dass er vor ihnen keineswegs in Ehrfurcht erstarrt, belegt allein die von ihm weitgehend autodidaktisch entwickelte Technik. Als Maler nämlich bevorzugt er die Wellpappe - oft auf Leinwand montiert - als Träger für zeichnerische Linie-, Fett-kreiden, Öl- und Acrylfarben ebenso wie als physischen Widerpart, den es durch Abtragen gefügig zu machen gilt. Bereits die Kubisten und Dadaisten haben den industriellen Werkstoff in die Kunst eingeführt und in ihre Bildcollagen eingebaut.
 
Eher als Décollage erweist sich Jürgen E.Stoltes Umgang damit. Greift er doch in das zeichnerisch und malerisch provisorisch "fertige" Bild mit Messern und Kellen ein, um gezielt diese Schicht des mehrlagigen Kartons abzuheben, jene stehenzulassen. Das geschieht mal mit präzisem Fingerspitzengefühl, mal mit berserkerhaftem Elan. Indem er also sein Material öffnet und dessen Wellenstruktur bloßlegt, hebt er es heraus aus jeder profanen Zweckbestimmung und befreit das in ihm schlummernde ästhetische Potential.
 
Anders aber als etwa die italienische Arte povera bescheidet er sich nicht damit, den Blick des Betrachters zu lenken auf die sinnlichen und imaginativen Qualitäten des Alltäglichen. Das Schichten- und Innenleben der Wellpappe steht ja im Dialog, manchmal in regelrechtem Kampf mit dem Figurenkanon der von Jürgen E.Stolte zitierten Alten Meister. Rubens, Tizian, Velazquez, Boucher, Degas, Manet, und immer wieder Rembrandt - Bilder weiblicher Schönheit, am pursten verkörpert im Akt, haben diesen Künstler an der Schwelle des 21.Jahrhunderts stets fasziniert. Schon wenn er sie expressiv auflöst oder verdichtet, doppelbelichtungsartig übereinandergelegt, kombiniert mit eingesprengten Bildern aus der Konsum- und Medienwelt oder alterniert mit ornamental-abstrakten Bildpassagen, kitzelt er aus dem historischen Bestand neue Deutungsmöglichkeiten hervor. (Und legt nahe, daß seine Sehweise auch geprägt ist von der Pop Art, insbesondere Robert Rauschenbergs Combine Paintings.)
 
Kraft der Wellpappe-Décollage-Technik indes verändert er seine Motive noch tiefgreifender. Die - dem heutigen Publikum kaum noch präsenten - Geschichten, die hinter den Werken der Alten Meister stehen, werden abgelöst durch das Drama des Materials. Durch eine Vielfalt von visuellen und haptischen Reizen. Durch mannigfache Kontraste zwischen Flächigkeit und Relief; zwischen der Ruppigkeit vieler Schnitte bzw. Risse und der Zartheit der Binnenstrukturen; zwischen Positiv- und Negativform; zwischen den verhaltenen Sand- und Brauntönen des Papiers und dem leuchtend darübergebreiteten Kolorit. Die Schönheit der Stolte'schen Bilder wurzelt in ihrer Körperlichkeit. Eine Körperlichkeit freilich, die im offenkundigen Thema ebenso steckt wie im für unsere Sinne so anregenden Farb- und Trägermaterial.
 
© Dr. Roland Held, Darmstadt 2006